roman, epik
Die Fahrt zum Leuchtturm
literarisches werk | literatur (20. jahrhundert) | literatur (englisch) | roman, epikDer Roman gehört zur modernen Literatur und verwendet ähnliche Erzähltechniken wie Marcel Proust oder James Joyce, deren Prosa manchmal gewunden und schwer zu verfolgen sein kann. Die Handlung ist der Innenschau der Figuren untergeordnet. Das Buch enthält kaum Dialoge und es geschieht wenig; der Text drückt vor allem die Gedanken und Wahrnehmungen der Hauptfiguren aus. Im Zentrum stehen Lily Briscoe, deren Beobachtungen der Ramsay-Familie das Rückgrat des Buches bilden, sowie Mrs Ramsay.
Jakob von Gunten
literarisches werk | literatur (20. jahrhundert) | literatur (deutsch) | robert walser | roman, epikEine Zahl in runden Klammern verweist auf die Seite in der Quelle oder in der Literaturstelle.
Unversehens kommt der ganz liederliche (121) Zögling Jakob in den Genuss der Liebe des Vorstehers der Knabenschule Benjamenta und wählt schließlich den Weg aus der Kultur (163) in die Wüste (164).
Genre
Der Text besteht als undatierten Tagebucheintragungen des Ich-Erzählers Jakob von Gunten. Wilpert kategorisiert das Werk als Roman und Mächler als Tagebuchroman. Martin Walser (auf der Umschlag-Rückseite der Quelle) nennt den Jakob von Gunten Entwicklungsroman einer verhinderten Entwicklung und einen Erziehungsroman. Zwar fällt im Text das Wort Entsagung (100), doch Jakob entsagt auf ernüchternde Weise konträr zu Wilhelm Meister: Ich entwickle mich nicht (144).Klein sein und bleiben (145) ist Jakobs Maxime. Er ist gern unterdrückt (104). Denn Jakob kann nur in den untern Regionen atmen (145). Immerhin ist der Protagonist adelig von Geburt und der Sohn eines Großrates (161) dazu.
zur Form
Der Ich-Erzähler, ein Trotzkopf (125), der seine vielen Fehler (125) wohl kennt, beschränkt sich in seinen Tagebuchaufzeichnungen keineswegs auf das Berichten aus der Knabenschule, dem Institut Benjamenta (7). Niederschriften seiner Phantasien und Träume wechseln mit sachlich Erzähltem ab. Stimmt denn das? Diese Frage kann sich der Leser selten beantworten. Zwar beteuert Jakob Ich lüge nicht gern (135), doch der Leser ertappt sich des Öfteren bei jener o.g. Frage. Allerdings wird meistens von vornherein klar gestellt: Angenommen, ich wäre... (135) oder Mir träumte,... (161). Die allgemeine Verunsicherung des Lesers erscheint als die Absicht des Erzählers. Jakob karikiert z.B. die Lehrer in der Knabenschule; nennt die Herren Wächli, Blösch, Strecker, Doktor Merz, von Bergen, Wyß und Bur (58). Doch die meisten Lehrfächer der Herrschaften fallen aus dem Rahmen des Instituts. In dem Fall gibt Jakob erst zum Schluss wiederum eine zu Papier gebrachte Träumerei zu (59). Der Leser wird vorsichtig. Die Verunsicherung des Lesers durch den fabulierenden Bruder Lustig (154) wird so weit getrieben, dass ersterer schließlich die ganze Geschichte für unglaubwürdig halten muss. Doch das Tagebuch ist keine simple Lügenmär. Sagt doch Jakob einmal von sich, der Gedanke interessiere ihn immer mehr als die Sache selber (144).Figuren
Jakob unterteilt in Herrschaft und Elevenschaft (127).Herrschaft
- Herr Benjamenta, Vorsteher des Instituts Benjamenta (auch: Knabenschule)
- Fräulein Lisa Benjamenta, Lehrerin, seine Schwester
- Jakob von Gunten
- Kraus
- Schacht, Schilinski, Fuchs, der lange Peter, Heinrich, Tremala und Hans
- Johann von Gunten, älterer Bruder Jakobs
Handlung
- Herr Vorsteher
Der Vorsteher gesteht Jakob, er habe eine nicht mehr zu behherrschende Vorliebe für ihn (94). An Jakob sei etwas Bedeutendes. Der Vorsteher hat keine Erklärung dafür (106). Jakob ist auch überrascht, weiß aber mit Vorgesetzten umzugehen. Er schweigt wohlweislich dazu - auch als ihm der Herr Vorsteher seine Liebe gesteht (95). Als Jakob der Freund und kleine Vertraute des Herrn Vorstehers werden soll, verhält sich der Eleve zögerlich (107). Jakob hat Pech, er bekommt vom Herrn Vorsteher keine Stelle vermittelt, denn der Vorgesetzte, bereits über Vierzig (156), liebt zum erstenmal einen Menschen (129). Dann aber bekommt Jakob hasenartige Angst. Der Herr Vorsteher will ihn erwürgen (142). Später aber möchte der Vorsteher Jakob gar küssen. Der prachtvolle Bursche lehnt das entrüstet ab (148).
- Kraus
Jakob zankt für sein Leben gern und hat für Kraus deshalb so viel übrig, weil ihm dieser bei jeder Gelegenheit zürnt (29), wenn er ihn reizt, ärgert, äfft (87). Kraus hat so etwas Joseph-in-Ägypten-haftes (78), ist ein Nichts, ein Diener (81).
- Johann von Gunten
- Fräulein Lehrerin
Das Fräulein spielt die Zuschauer, wenn die Eleven kleine Theaterstücke aufführen. In den Stücken wird das bescheidene Dienen versinnbildlicht (113).
Das Fräulein leidet, aber Jakob weiß nicht woran. Schließlich kündigt die Lehrerin Jakob unter vier Augen ihren bevorstehenden Tod an und fordert Stillschweigen (133). Die bemerkenswerte Todesursache wird sein: Das Fräulein ist im Leben von keinem Manne geliebt worden (145). Jakob nimmt die Nachricht beherrscht auf. Er weiß, dass er gemein ist, aber er denkt an seinen Geldmangel. Als das Fräulein gestorben ist, bleiben nur noch Jakob und der Herr Vorsteher bei der Leiche zurück. Der Vorgesetzte, dieser Schuft, hat allen Eleven am Sterbetag seiner Schwester Stellung verschafft (155). Jakob möchte auch unterkommen. Den Herrn Vorsteher überkommt unerhörte Lebens- und Lachlust (156). Er will mit Jakob in die Welt hinein (156). So geschieht es.
- Träume
Der Gehülfe
literarisches werk | literatur (20. jahrhundert) | literatur (deutsch) | robert walser | roman, epikDer 24-jährige Joseph Marti, Gehülfe des Ingenieurs Carl Tobler, erlebt während eines halben Jahres den Ruin des erfolglosen Erfinders und geht seiner Wege. Eine Zahl in runden Klammern verweist auf die Seite in der Quelle oder in der Literaturstelle.
Wahrheit und Dichtung
Walser lässt den Gehülfen in einem Dorf Bärenswil, eine gute Dreiviertelstunde Eisenbahnfahrt von der großen Kantonshauptstadt entfernt (69), auftreten. Jener Ort der Handlung, die Villa zum Abendstern, steht zu Wädenswil am Zürichsee. Das geht aus einem Brief Robert Walsers vom 14. Dezember 1920 an Curt Wüest hervor. Ein Faksimile des Briefs befindet sich in Mächler zwischen den Seiten 112 und 113. Darauf ist der Turm zu sehen, in dem der Gehülfe untergebracht war. Das Anwesen wurde vom Maschinentechniker Carl Dubler, seiner Gattin Frieda und den gemeinsamen vier Kindern bewohnt. Die Vornamen der Kinder wurden genauso in den Romantext übernommen wie die Erfindungen des Technikers - die Reklame-Uhr, der Verkaufsautomat für Gewehrmunition und der Krankenstuhl. Walser hat reichlich vier Monate in dem Haus als Angestellter Dublers gewohnt und es zum Neujahr 1904 vorm Konkurs des erfolglosen Unternehmers verlassen (Nachwort, 299f.).Walsers Mutter Elisa trug als Mädchen denselben Familiennamen wie der Protagonist: Marti (Mächler, 16).
Joseph Marti
- Villa zum Abendstern
Nach Möglichkeit genießt Joseph den Sommer; schwimmt, rudert des Nachts Frau Tobler und die vier Kinder über den See. Musik erklingt, umschlingt den dunklen, duftenden Leib der Seesommernachtstille (53).
- Die Erfindungen
- Der Erfinder
Tobler fordert von Joseph Pünktlichkeit. Wenn der Gehülfe sich im Bureau ein wenig verspätet, gibt es ein Donnerwetter. Joseph schweigt bei solcher Gelegenheit wohlüberdachtermaßen (59). Tobler schimpft auf Bärenswil, das Drecknest und meint in Wirklichkeit dessen Bewohner, die die Erfolglosigkeit des Erfinders riechen und sich geordnet zurückziehen (71).
Während der Arbeit darf Joseph von Toblers Zigarrenstumpen rauchen. Der Chef war vor drei Jahren einfacher Hilfsingenieur in einer großen Maschinenfabrik gewesen (71), hatte geerbt, sein Geld aber in den Kauf der Villa und die Reklame-Uhr gesteckt. Deshalb muss schnellstens Geld her. Als Geldgeber soll ein Kapitalist, möglichst ein Fabrikherr, gewonnen werden, damit die Massenanfertigung der patentierten Erfindungen gleich beginnen kann (45). Daraus wird im ganzen Roman nichts. Tobler muss vielmehr Zahlungsverweigerungsgründe erfinden. Selbst im Herbst zeigt sich keinerlei Umschwung (162), obwohl Tobler auf andauernden Geschäftsreisen nicht müde wird, jenen Kapitalisten zu finden. Als ein Kapitalist in der Villa vorspricht, ist Tobler gerade verreist. Joseph muss einspringen und vertreibt den potentiellen Geldgeber durch sein unverantwortliches kopfloses Benehmen (80). Tobler tobt nach seiner Rückkehr von der Reise, kann aber verzeihen. Er schenkt dem Gehülfen einige von seinen abgetragenen Kleidern. Der beleidigte Joseph begehrt zwar wortreich auf, nimmt die Kleidergeschenke schließlich doch. Wenn Tobler seine Frau misshandelt, kann Joseph nicht anders - er schreitet ein; ermahnt den Herrn Ingenieur (87). Der Erfinder, nie verlegen, hält dem Angestellten vor, ein großes Maul haben, das könne jeder. Leisten solle er endlich etwas (147). Angesichts der sich häufenden unbezahlten Wechsel gibt sich Tobler kämpferisch: Eine Idee stirbt oder sie siegt (175). Dabei pumpt er auf seinen Reisen bereits Bekannte und Verwandte an (176). Schließlich muss Tobler auf Schuldforderungen seine Illiquidität eingestehen (181). Aber ein mütterliches Erbteil hat er noch (182). Doch der Betrag, den die Mutter herausrückt, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, kann lediglich die wildesten Gläubiger und Schuldenforderer (219) ein klein wenig besänftigen. Um in den Genuss des Geldes der Mutter zu gelangen, muss Tobler gar die Ehefrau vorschicken. Nicht einmal dem Verwalter des hauptstädtischen Stellenvermittlungsbureaus (183) wird das geringe Vermittlungsentgelt ausbezahlt. Das Elektrizitätswerk schalten den Strom für die Villa ab (223).
- Frau Tobler
- Wirsich auf Besuch
- Dora, Silvi, Edi, Walter und Pauline
- Joseph geht weiter
Selbstzeugnis
- Robert Walser sagte zu Carl Seelig: Der 'Gehülfe' ist ein ganz und gar realistischer Roman. Ich brauchte fast nichts zu erfinden. Das Leben hat das für mich besorgt (Nachwort, 300).
Rezeption
- Hesse schreibt 1936, zwar sei der Gehülfe voll von Stimmungen vom Anfang des 20. Jahrhunderts, doch bezaubere die Erzählung durch die zeitlose Anmut ihres Vortrags, durch die zart und absichtslos spielende Magie (Michels, 461).
- Nach Zollinger sei Walsers unbeschreiblicher Zauber zurückzuführen auf seine pedantische Unbestechlichkeit (Nachwort, 305).
- Anne Gabrisch schreibt 1983, Herr und Diener seien gleichermaßen närrisch - ein Paar von fürchterlicher Komik. Und von weither an Don Quijote und Sancho Pansa erinnernd (Nachwort, 307).
- Mächler (81f.) erzählt aus der Entstehungsgeschichte des Gehülfen. Der Roman sei im Rahmen eines Wettbewerbs des Scherl-Verlages in sechs Wochen niedergeschrieben worden. Walser habe achttausend Mark Honorar verlangt, das Manuskript jedoch wegen der hohen Forderung postwendend zurückerhalten. Als sich Walser darauf mit dem Verlagsleiter stritt, soll dem Autor entfahren sein: Sie Kamel verstehen überhaupt nichts von Literatur.
- Sprengel resümiert, die Bärenswiler erweisen sich als Nachfolger der Leute von Seldwyla.
Geschwister Tanner
literarisches werk | literatur (20. jahrhundert) | literatur (deutsch) | robert walser | roman, epikDer 20-jährige verhinderte Bankangestellte Simon Tanner ist auf der Suche nach dem passenden Platz im Leben. Seine vier Geschwister, die Schullehrerin Hedwig Tanner, der Gelehrte Dr. Klaus Tanner, der Maler Kaspar Tanner und der Irrenhäusler Emil Tanner, können ihm dabei wenig helfen. Eine Zahl in runden Klammern verweist auf die Seite in der Quelle oder in der Literaturstelle.
Simon Tanner
- Liebe statt Sehnsucht
- Bruder Klaus
Der immerwährende Berufswechsel missfällt dem ältesten Bruder Klaus, der sich für seinen jüngsten Bruder Simon verantwortlich fühlt, sehr. Zwar nennt Klaus den Bruder Simon einen Müssiggänger (154), doch ist der Gelehrte so rücksichtsvoll und feinfühlig, dass es über den ganzen Roman hinweg nie zu einer heftigen Kontroverse zwischen den beiden Brüdern kommt. Simon, nachlässig, verspricht Klaus, daß es bald aufhört (155) mit der Faulenzerei. Klaus nimmt das leere Versprechen gutgläubig hin und leistet somit dem Schlendrian Vorschub.
- Klara Agappaia
- Bruder Kaspar
- Schwester Hedwig
- Die Zauberin
Als der Träumer, ein Freund des Unglücks (240), erwacht, liest er in dem Roman von Stendhal weiter.
- Bruder Emil
- Gefangene
Stellvertretend für jene Schar Unbekannter, denen Simon noch begegnet, sei die bereits ganz oben erwähnte Vorsteherin aufgeführt. Die Vorsteherin hat ihren ersten Kurzauftritt als allerletzte Figur am Romanschluss. Zu Weihnachten wandert Simon, der unverwüstliche Mensch, der allerhand Missgeschick zu ertragen versteht (239), an den Stadtrand hinauf zu Klaras Waldhaus, das inzwischen Kurhaus für das Volk (309) geworden ist. Die Vorsteherin kann sich an Simon nicht sattsehen. Warum braucht Simon seine Zeche im Kurhaus nicht zu bezahlen? Wegen jener Freundlichkeit der Vorsteherin etwa, als sie fragt, ob wir nicht alle Geschwister auf diesem verlorenen Planeten sind? In jener Frage wird ein Titelwort des Buches - Geschwister - angesprochen. Das ist es nicht nur. Simon, scheinbar etwas verkommen, hat etwas Fesselndes (315). Die Vorsteherin steht für alle Figuren, denen Simon im Roman begegnete - sie ist seine arme, glückliche Gefangene (332). Kafka hat jene glückliche Gefangenschaft sogar noch auf Simons Geschwister ausgedehnt: Simon ist, glaube ich, ein Mensch in jenen Geschwistern (Nachwort, 353).
Zitate
- Man paßt dahin, wohin man sich sehnt (90).
- Das Zufällige ist immer das Wertvollste (244).
Selbstzeugnis
- Walser im Mai 1914 über das Schreiben der Geschwister Tanner: Der bessere Gedanke und der damit verbundene Schaffensmut tauchte nur langsam aus den Abgründen der Selbstnichtachtung und des leichtsinnigen Unglaubens hervor. Voller Entzücken hing ich an dem fröhlichen Grundgedanken, und indem ich nur fleißig immer weiter schrieb, fand ich den Zusammenhang (Nachwort, 336).
Rezeption
- Kafka urteilt über den Simon Tanner: Das ist eine sehr schlechte Karriere, aber nur eine schlechte Karriere gibt der Welt das Licht (Nachwort, 354).
- "Geschwister Tanner" hat eine episodische Struktur: Der ruhelose Held befährt die Welt, sammelt Erlebnisse und Erfahrungen, entwickelt sich dabei aber selbst im Grunde nicht (Nachwort, 346).
- Hinter der idealisierenden Schilderung verbirgt sich ein faktisch-autobiographischer Kern (Nachwort, 348).
- Spiegelgasse - die erste Adresse in Zürich: Nicht nur, dass Simon seiner Zimmerwirtin Frau Weiß zu guter Letzt den Mietbetrag schuldig bleiben muss - mehr noch, er pumpt die Frau sogar erfolgreich an (284). Im Roman Der Gehülfe schreibt der Protagonist Joseph Marti auf Seite 15 seiner ehemaligen Wirtin Frau Weiß einen Brief, in dem er seine Schulden anspricht. In seinem Nachwort zu Fritz Kochers Aufsätze schreibt Greven (115): Im Frühjahr 1902 mietete sich Walser in Zürich in der Spiegelgasse Nr. 23 bei der Frau Weiß ein. In derselben Gasse hatte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Lavater gelebt, war am 19. Februar 1837 Büchner gestorben und lebte später während des Ersten Weltkrieges ein paar Häuser weiter - in der Nr.14 - Lenin.
- Hesse (Michels, 456) schätzt ein, Fritz Kochers Aufsätze, Geschwister Tanner und Der Gehülfe können in einem Zusammenhange gesehen werden.
- Ein wichtiges Thema des Romans ist die Kritik der modernen Arbeitswelt und damit die Funktionalisierung des Menschen. Simon Tanner weigert sich, sich diesem Prozeß der Entfremdung, den er durchschaut, anheimzugeben - diese Weigerung isoliert ihn. Simon, der Außenseiter und Träumer, klage in seinen Monologen die äußere Welt an (Nachwort, 349).
- Der archimedische Punkt, auf dem sie [Walsers Figuren] stehen, ist jener der Souveränität (Klaus-Michael Hinz, zitiert in: Nachwort, 351).
- Mächler (74) lobt den Roman als ungewöhnlich dichterisches Buch, das die Grundbeziehungen zwischen den Mitgliedern der Familie Walser reflektiere.
- Anne Gabrisch bemängelt 1984 die Sorglosigkeit des Details. Als Beispiel wird die Wiederbegegnung Simons mit Klara Agappaia angeführt. Das kleine Kind, das sie von dem Türken (292) empfangen hat, ist mal männlich, mal weiblich (Nachwort, 348).
zur Form
Romantisches Vorbild des Simon Tanner ist zweifelsohne - wie Sprengel (211) bemerkt - der Taugenichts von Eichendorff.In Anlehnung an Brentano könnte man "Geschwister Tanner" auch als einen etwas " verwilderten Roman" bezeichnen (Nachwort, 351). Die Rede ist von allerlei unübersehbaren Gestaltungsschwächen. Ellenlange Monologe sind nur oberflächlich mit der Handlung verwoben. Der wortreich predigende Ton fordert den geduldigen Leser. In den letzten beiden Kapiteln (281 - 332) verliert der Prosaton von seiner Poesie. Es entsteht der Eindruck, als wolle der Autor fertig werden.
Der Lektor Christian Morgenstern überzeugte seinen Chef, den Verleger Bruno Cassirer, von den Qualitäten der Geschwister Tanner, sodass Cassirer den Roman annahm. Trotzdem enthält der Brief, den Morgenstern im September 1906 an Walser aus Obermais bei Meran schrieb, ein insgesamt doch fast vernichtendes Urteil (Brief auszugsweise zitiert in: Mächler, 72 - 74). In dem Schreiben sind die meisten der schweren Vorwürfe auffindbar, die ein Lektor gewöhnlich einem Anfänger macht.
Romantik
- Das Land blühte mit einem heißen Atem, kam fast um vor Blühen (158)... duftend mit seinen Düften (159).
Das Land meiner Väter
autobiografie | kanada | kanadische literatur | literarisches werk | literatur (20. jahrhundert) | literatur (englisch) | roman, epikIn diesem großen Neufundland-Roman haben Charlie und sein Sohn Arthur offenbar ein Geheimnis. Wayne, der Enkel Charlies, möchte es herausbekommen. Sein Vater Arthur aber hält dicht. Trotzdem macht der Autor einen Versuch, dem Leser das Geheimnis anzuvertrauen.
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Die Väter
Wayne Johnston erzählt hauptsächlich aus dem Leben seines Vaters Arthur Reginald Johnston, genannt Art. Einen besonderen Platz in den Familienerinnerungen nehmen noch Geschichten aus dem Leben des Schmieds Charlie Johnston aus Ferryland ein. Das ist der Großvater Wayne Johnstons väterlicherseits. Die Nebenrolle unter den drei Vätern spielt der Großvater mütterlicherseits, ein ehemaliger Fischer aus Goulds mit dem Familiennamen Everard (57).Die anderen Familienmitglieder werden - wie der Buchtitel nahe legt - am Rande erwähnt: die beiden Großmütter Nan (auch: May) Johnston und Lucy Everard sowie Waynes Geschwister - die Brüder Brian, Ken und Craig (206) sowie die Schwester Stephanie (277).
Episoden aus dem Leben seiner lieben Mutter Genevieve Johnston, geb. Everard, hat der Autor in anrührenden Geschichten erzählerisch verarbeitet (202). Wayne Johnston beschreibt die Eltern ärmer als die Ärmsten der Armen (165).
Art, Jahrgang 1928 (282), soll nach dem Willen des Vaters Fischer werden. Der Beruf des Hufschmieds habe keine Zukunft (48). Also bringt ihm der Vater den Fischfang bei. Art will weg von der Fischerei. Anfang September 1948 (233) beginnt er an der Agrarwissenschaftlichen Hochschule in Truro, Nova Scotia, das Studium (146). Als der Vater im Januar 1949 verstirbt, telegraphiert ihm der Bruder: Komm heim (272). Art hat kein Geld und kann erst am Mai nach Neufundland zurück. Er arbeitet nicht lange als Agrartechniker in St. John’s. Landwirtschaft ist auf der rauen Insel schier unmöglich. Art findet eine Anstellung in der Forschungsstation für Fischereibelange im Kanadischen Amt für Biologie (149) und wird Beamter der Bundesfischereibehörde (161). Von 1992 bis 1998 halten sich Art und Genevieve bei einem Sohn in Alberta auf. Dort erleidet Art 1992 einen Herzinfarkt und 1998 einen Schlaganfall (292). Trotzdem kehrt Art nach Neufundland zurück, und Wayne stellt aus diesem Anlass auf dem Flughafen St. John's ein Empfangskomitee auf die Beine.
Art ist erbitterter Gegner der Konföderation mit Kanada. Der 22. Juli 1948, an dem die Neufundländer in einem Referendum mit knapper Mehrheit für die Konföderation mit Kanada stimmten, ist für ihn ein Unglückstag (22).
Charlie, Jahrgang 1894, arbeitet werktags ab 4 Uhr morgens als Fischer und ab 9 Uhr für den Rest des Tages als Hufschmied. Charlie stirbt am 14. Januar 1949 in seiner Schmiede an einem Herzinfarkt (236).
Wayne
An der Konföderation mit Kanada scheiden sich um das Jahr 1948 herum in Neufundland die Geister. Waynes Väter samt deren Familien sind Anhänger der staatlichen Unabhängigkeit Neufundlands und somit Gegner der Konföderation (269). Für Wayne, der erst 1958 geboren wird, ist der Staat Neufundland nur eine Geschichte (269). Also tritt er mehr als Beobachter auf, der von der tief sitzenden Verbitterung des Vaters gutmütig Anteil nehmend erzählt.Wayne, der 1980 bis 1992 zumeist in Toronto lebte (272), bekommt 1992 von seinem Vater einen Anruf. Die Eltern wollen nach Alberta zu Waynes Brüdern ziehen. Art begründet: Das Neufundland, das ich kannte, gibt es nicht mehr (271). Wayne kommt noch rechtzeitig in Neufundland an, um die Eltern vor ihrem Abflug in das 3000 Meilen entfernte Alberta zu verabschieden (277).
Das Land
Unstreitig sind die Beschreibung einiger Neufundland-Fahrten zu Wasser und zu Lande die erzählerischen Glanzlichter des Buches. Vier große Fahrten seien genannt.Das Herrenhaus
Im Frühjahr 1627 bezieht Lord Baltimore, Eigner der Kolonie Ferryland, in dem gleichnamigen Küstenort sein Herrenhaus. Die Überwinterung wird ein einziges Desaster. Der Lord zieht sich schon im darauf folgenden Jahr nach England zurück und verstirbt dort am 28. Juni 1632. Reste des Herrenhauses befinden sich unter der Ruine von Charlies Schmiede (305). Der tiefer liegende Sinn dieser Heimaterinnerungen (272), die im Original Baltimores Herrenhaus im Titel tragen (Mansion = Herrensitz), wurzelt genau in jenem Kontrast: Der Lord macht sich nach dem über alle Maßen strengen Winter auf und davon nach England, hingegen die Johnstons krallen sich geradezu an der Schmiede fest. Das Festhalten an der Heimat äußert sich u.a. in der starrköpfigen gegnerischen Haltung der Johnstons zur Konföderationsfrage.Das Geheimnis
Wayne vermutet, Art bewahre ein Familiengeheimnis. Von dem habe Charlie dem Sohn am Strand unter vier Augen Mitteilung gemacht, als sich dieser vor Studienantritt vom Vater verabschiedete. Wayne beobachtet Arts merkwürdiges Verhalten nach besonderen Anlässen. Während einer Familienzusammenkunft wettert Art zum Beispiel über jene "Konföderationsgegner", die in der Abgeschiedenheit der Wahlkabine für die Konföderation gestimmt hätten und hinterher öffentlich als Konföderationsgegner aufträten. Nach solchen Anlässen fragt Wayne, wenn er den Mut aufbringt, seinen Vater, was damals am Strand zwischen ihm und Charlie war. Art gibt das Geheimnis nicht preis. Der Leser aber weiß mehr. Es sieht ganz so aus, als habe Charlie im Schutz der Wahlkabine das Unfassliche getan: Heimlich auf dem Stimmzettel sein Kreuz für die Konföderation mit Kanada gemacht (290).Der Mythos
Ort der Handlung ist überwiegend Avalon, jene Halbinsel auf Neufundland, die den Namen des bekannteren im Nebel verborgenen Ortes in Britannien trägt. Wenn sich die Protagonisten dem Isthmus zwischen Avalon und der Hauptinsel Neufundland nähern, so zwingen denn auch meist wallende Nebel zum Rückzug. Arthur Reginald hat Charlie seinen Sohn genannt nach Artus. Und Reginald heißt König.Zitate
- So lange man eine Insel nicht verlässt, ist sie die Welt (143).
- Bedivere fragt Artus: Was soll aus mir werden, nun, da du von mir gehst und mich hier inmitten meiner Feinde alleine lässt? (315)
Hug Schapler
literarisches werk | literatur (16. jahrhundert) | literatur (deutsch) | roman, epik | volksbuchSiehe auch
- Das Chanson de geste „Hugues Capet“
Marusja Klimova
autor | frau | literatur (20. jahrhundert) | literatur (21. jahrhundert) | literatur (russisch) | roman, epik | russeWie die beiden vorangegangenen Werke versetzt auch der Roman Belokurye bestii/Blonde Bestien (SPb.: Seti 2001) den Leser in das Milieu Petersburger Kunstler und Intellektueller, die nach dem Ende der Sowjetunion ihre soziale Deklassierung durch Zynismus zu uberspielen suchen. Die autobiografische Protagonistin Marusja, die keinen Hehl daraus macht, dass sie den "Namen auf ic" abgelegt hat und "unter dem Namen ihrer Mutter" agiert, kann von der Tatigkeit als Schriftstellerin und Ubersetzerin nicht leben.
Melmoth der Wanderer
literarisches werk | literatur (19. jahrhundert) | literatur (englisch) | roman, epikShiga Naoya
autor | geboren 1883 | gestorben 1971 | japaner | japanische literatur | literatur (19. jahrhundert) | literatur (20. jahrhundert) | mann | roman, epikLeben
Shiga Naoya wurde als Sohn einer wohlhabenden Unternehmerfamilie der Oberschicht mit Samuraitradition geboren. Die patriarchalischen und zugleich vom rücksichtslosen Unternehmertum geprägten Ansichten seines Vaters forderten frühzeitig den Widerstand des Sohnes heraus und führten zu jahrelangen Zwistigkeiten, die sich später im Werk des jungen Autors niederschlagen sollten. Von 1889 bis 1906 besuchte Shiga das elitäre Gakushuin, zur der Zeit eine höhere Schule der Aristokratie und des Großbürgertums. Er studierte anschließend englische Literatur an der kaiserlichen Universität Tokio, die er jedoch vier Jahre später verließ. Er war danach ausschließlich schriftstellerisch tätig. Er gründete 1910 die Literatur-Zeitschrift Shirakaba (Weiße Birke).Mary Jane Carr
autor | frau | geboren 1895 | gestorben 1988 | journalist | kinder- und jugendbuch | literatur (20. jahrhundert) | literatur (englisch) | roman, epik | us-amerikanerMary Jane Carr wurde in Portland geboren und besuchte in ihrem Heimatstaat Oregon auch das St. Mary's College. Danach schlug sie eine journalistische Karriere ein, war einige Jahre Mitherausgeber der Zeitung Catholic Sentinel und wechselte später zum Oregonian. Schließlich begann sie damit, Kinderbücher zu schreiben. Ihr erstes dieser Bücher, Children of the Covered Wagon. A story of the old Oregon trail (1934), das die Geschichte des Oregon Trail aus der Perspektive von Kindern erzählt, ist auch ihr bekanntestes geblieben. Der historische Roman kam auf die Auswahlliste der Junior Literary Guild, erlebte mehrere Auflagen und Übersetzungen in andere Sprachen und wurde schließlich 1956 von Walt Disney unter dem Titel Die Karawane der Furchtlosen( Westward Ho the Wagons!) verfilmt. Von ihren weiteren Büchern stand Young Mac of Fort Vancouver (1940) ebenfalls auf der Auswahlliste der Junior Literary Guild.

